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Aus dem Leben eines Staphylokkokus

Von Edita Köhler

Ich sehe auf ein langes, zweckerfülltes Stapphylokokkenleben zurück. So schreibe ich meine Memoiren nur, damit meiner zahlreichen Nachkommenschaft, die leider in aller Welt zerstreut ist, durch mein „Wissen“ und mein „Können“, die eine oder andere schmerzhafte Erfahrung erspart bleibt. So hätte sich die Mühe des Aufzeichnens gelohnt.

Eigentlich bin ich nicht gebürtiger Hospitalist. Die Teilung meinen Ahnen fand in dem herrlich reifen Furunkel eines Bauarbeiters statt. Durch widrige Umstände wurde ich schon sehr früh von meinem sich dort rasch gebildetem Stamm weggetragen. Die Schuldige war die Frau des Furunkelbestitzers, die mich Ahnungslosen auf ihrem Kleid entführte und schnurstracks im Krankenhaus ablieferte.

Als ich merkte wohin man mich brachte, dachte ich, mein letztes Stündlein habe geschlagen.

In meiner Verwirrtheit vertauschte ich das Kleid der Frau mit dem Bett der kranken Nachbarin, die sie besuchte. Meine neue Wohnung, die Unterlage, wurde von den Schwestern beim Bettenmachen auf die Erde geworfen. So war es mir möglich auszusteigen. Das war mein Glück, denn die Schwester nahm die Unterlage wieder auf.

Bei jeder Unterlage, die aufzuheben war, machte die Schwester eine tiefe Verbeugung vor mir und drückte sie dann an ihre Schürze. Einige meiner Nachkommen, die ich auf der Unterlage hinterließ, schrien vor Schmerz auf. Einem meiner Urenkelchen wurde sogar ein Bein abgebrochen.

Vor lauter Schreck vergaß ich, mich zu wehren und saß auf demselben Fleck, bis mich am nächsten morgen die Putzfrau mit dem Kehrbesen aufscheuchte und durch die Luft wirbeln ließ, so dass ich glücklich auf einem gestrichenen Butterbrot landete. Das hatte die Schwester wohl vorsorglich für mich und einen Patienten, der gerade in der Röntgenabteilung war, bereitgestellt. Dort saß ich schön weich und vermehrte mich fleißig, bis mich der Patient mitsamt meiner Sippe verspeisen wollte. Ich blieb jedoch an seinen Fingern kleben. Dort saß ich, bis die Nachtschwester meinen Wirt wusch.

Ich plätscherte ein wenig in der Wanne und wartete friedlich am Wannenrand auf weitere Abenteuer.

Diese kamen schneller als erwartet! Die Waschschüsseln wurden im Bad gestapelt und durften bald in einem großen Becken segeln. Die Schwester hielt eine Flasche Desinfektionsmittel in der Hand un goss „einen Schuss“ davon in das Wasser.

Schnell rechnete ich mir aus, dass mir die geringe Menge nichts antun würde. Aber beim Geruch von Desinfektionsmitteln wird uns Bakterien immer unwohl.

Zu meiner Freude sah ich, dass die gute Schwester mit mir Mitleid hatte und noch Reinigungsmittel nachgoss. Damit machte sie die Lösung unwirksam. Ich begann, mich zu Hause zu fühlen und sah mich um.

Plötzlich hörte ich hinter mir ein Freudengeschrei und sah einige meiner Nachkommen, die am Tage vorher mit der Unterlage fortgetragen wurden. Sie erzählten mir, dass sie seit dem Vortage hier in der Wanne gesessen und sich vermehrt hätten.

Beim schrubben des Beckens wären dann wohl einige gestorben, glücklicherweise hätten aber die meisten das Scheuermittel vertragen.

Wir „flüchteten“ zusammen unter den Ehering der Hand, die im Wasser spazieren ging.

Dort saßen wir geschützt, als sich die Besitzerin der Hand die Hände abtrocknete und dort vermehrten wir uns friedlich, weil das Milieu gar zu herrlich war.

Noch schöner war es aber, als ich abermals die Wohnung wechselte und von der ständig feuchten Seife im Dienstzimmer Besitz ergriff, während sich meine Nachkommen auf dem feuchten Waschlappen vermehrten. Jetzt konnte ich mir meinen neuen Wirt aussuchen.

Von der nächsten Hand wechselte ich in den Mund und sprang von dort mit kühnem Sprung in den offenen Spritzenkasten, in den der Arzt hineinsprach.

Durch die Güte dieses Mannes gelangte ich bei einer Venenpunktion, vor der sich unser Arzt weder seine Hände noch die Einstichstelle richtig desinfizierte, zusammen mit anderen Artgenossen in den Blutstrom eines Kranken. Dessen Leukozyten setzten uns schon arg zu. Wir waren jedoch die Stärkeren und vermehrten uns tüchtig! Der Kranke war unfreundlich genug, uns mit septischen Fieberanstiegen den Garaus machen zu wollen. Daher verließ ich bei nächster Gelegenheit diese ungastliche Stätte und setze mich fein säuberlich neben den Kranken in das Bett. Der Patient war so unruhig, dass ich mehrmals Gefahr lief, zerdrückt zu werden. Deshalb übersiedelte ich beim Bettenmachen, als die Schwester die Unterlage darauf legte, auf das Kopfkissen.

Unangenehm war ein Abenteuer mit einer Schwesternschülerin. Diese hatte Halsschmerzen und Fieber, wollte jedoch nicht ins Bett und lutschte deswegen ständig Penizillintabletten. Es wäre fast mein Tod gewesen. Die ersten Tabletten betäubten mich völlig. Man kann sich aber an vieles gewöhnen. Ich mobilisierte all meine Abwehrkräfte und wurde wieder gesund. Ja, ich fühlte mich, nachdem ich meinen Stoffwechsel etwas umgestellt hatte, sogar stärker und kräftiger als je zuvor. Jetzt war ich mit meiner „Multiresistenz gegen Antibiotika“, zu allen Schandtaten bereit.

An meiner guten Wirtin wollte ich mich aber, wegen des Schreckens, den ich ausgestanden hatte, rächen. Dazu bekam ich alsbald Gelegenheit.

Sie erkrankte ernstlich an einer Nierenentzündung. Die Ärzte setzten hohe Dosen und verschiedene Antibiotika ein. Da ich aber meinen Freunden und Nachkommen das Geheimnis des Anti-Penizillin-Todes weitergegeben hatte, konnten wir das Mädel noch so lange belästigen, bis der Arzt ein Mittel gefunden hatte, das uns noch zusetzen konnte.

Eines Tages begleitete ich die Schwester mit nach Hause. Sie trug mich an der Hose durch die Stadt und ich nahm die Gelegenheit war, beim Metzger und in der Untergrundbahn einige meiner Kinder abzusetzen.

Die Stationshilfen in den Krankenhäusern sind meist auch sehr zuvorkommend. Manche kehren, um Zeit zu sparen, noch die Fußböden oder schütteln die Handtücher aus, sodass wir uns zum Tanze aufgefordert fühlen und vergnügt durch die Zimmer wirbeln. Dann nehmen sie ihren einzigen „Obenlappen“, wischen die Patientennachtkästen ab und verteilen uns Hospitalkeime gleichmäßig auf der Station.

Besonders lustig ist es, wenn Durchzug entsteht, da fühlen wir uns wie Engelchen mit Flügeln und fliegen ganz schnell ins nächste Zimmer. Auf diese Art bin ich schon ein recht weit gereister Herr.

Was mir im Krankenhaus aufgefallen ist:

Um uns zu schonen und für das Haus zu sparen, werden Reinigungs- statt Desinfektionsmitteln eingesetzt. Diese sowie Desinfektionsmittel werden nicht richtig abgemessen, sondern „kleinst-, schlückchen- weise“ dosiert. So sparen sich manche Patienten sogar das Leben und sterben!

Empfehlenswert ist der Wischlappen nach der Benutzung, da liegt er manchmal schön feucht im Eimer und man kann in aller Ruhe in Familie arbeiten.

Kurz noch etwas zu den Schwestern: Diese sind ausgesprochen gemein; duschen, baden und waschen sehr oft die Haare. Gelangt man nicht in den Rachenraum, wird man von dem vielen Wasser abgeschwemmt. Einige sind sogar so verschlagen, dass sie die Schutzkleidung ablegen, ehe sie zu Tisch gehen, damit wir um den Genuss der Speisen kommen.

Da lobe ich mir eher die Praktikanten und Zivildienstler. Die vergessen sogar das Händewaschen nach dem Toilettengang. Eine hygienische Händedesinfektion wird „gottseidank“ fast nie durchgeführt. Dann „betreuen“ sie die Patienten, streichen für diese Brote, holen Zeitungen, usw.

Gern mag ich auch den farblosen Nagellack. Der springt, blättert ab und schafft Ritzen, in die man kriechen und sich gut verstecken kann. Ungepflegte Hände sind für uns Bakterien ähnlich interessant.

 
 
 
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